Kastration beim Hund: Fluch oder Segen?

Worum geht's?

Die Frage, ob man seinen Hund kastrieren lassen sollte, treibt viele Halter:innen um – und das völlig zu Recht. Denn so klar einfach wie „immer kastrieren“ oder „niemals kastrieren“ ist es nicht. Wie bei vielen medizinischen Entscheidungen gibt es Argumente dafür und dagegen – und manchmal widersprechen sich Studienergebnisse sogar.

Also: Mythen ausklopfen, Fakten auf den Tisch! Die Akademie bietet ein ausführliches Modul zu dem Thema an. Quasi eine Kastrationsberatung – bequem vom Sofa aus. In diesem Artikel fassen wir aber schonmal einige Schlüsselfakten zusammen.

Kastration bei der Hündin

Tumorrisiko – Bonus oder Risiko?

Ein oft genanntes Pro-Argument ist der Schutz vor bestimmten Tumoren:

  • Hündinnen: Eine frühzeitige Kastration deutlich vor der zweiten Läufigkeit senkt das Risiko der Entwicklung von Mammatumoren (Brustkrebs). 

  • Rüden: Die Entfernung der Hoden eliminiert das Risiko für Hodenkrebs und reduziert Probleme wie gutartige Prostataerkrankungen.

Allerdings gibt es ein großes ABER: bei anderen Krebsarten kann das Risiko steigen, z. B. bei Osteosarkom, Hämangiosarkom oder Lymphomen bei einigen Rassen.  Zudem erkranken fast ausschließlich kastrierte Rüden an bösartigem Prostatakrebs.

➡️ Fazit: Kastration kann bestimmte tumorbedingte Risiken senken – andere Risiken aber erhöhen. Es kommt unter anderem auf Alter, Rasse und Gesundheitsprofil des Hundes an.

Orthopädische Erkrankungen

Hormone beeinflussen das Skelettwachstum. Wird kastriert, vor allem bevor ein Hund ausgewachsen ist, kann die Anfälligkeit für:

  • Hüftgelenksdysplasie

  • Kreuzbandrisse

  • Ellbogendysplasie

… steigen. Besonders bei großen Rassen wurde dieser Zusammenhang in Studien klar gesehen.

➡️ Tipp: Den richtigen Zeitpunkt mit dem Tierarzt besprechen – oft empfiehlt man, bei großen Hunden länger zu warten, bis die Wachstumsschübe vorbei sind.

Verhaltensprobleme – wird’s besser oder schlechter?

Hormonell gesteuerte Verhaltensweisen – wie:

  • Aggression gegenüber anderen Rüden

  • starker Sexualtrieb

  • Markieren

  • Scheinmutterschaft

… können durch eine Kastration abnehmen

Aber: Bei weitem nicht jeder Verhaltensfehler ist durch überschießende Sexualhormone bedingt! Unsicherheiten und Ängste werden nach der Kastration sogar oft schlimmer und Erziehungsprobleme verschwinden nicht automatisch. Ritualisierte Verhaltensweisen lassen sich von einer Kastration wenig beeindrucken. Zudem greift die Kastration ins Stresshormon-System ein, was von großem Nachteil sein kann. Auch bestimmte Formen der Aggression können durch die Kastration schlimmer werden.

➡️ Merke: Kastration ist kein Allheilmittel für Erziehungsprobleme.

Harninkontinenz

Ein häufiges Gegenargument, besonders bei Hündinnen, ist die Gefahr der Harninkontinenz – meist einige Jahre nach dem Eingriff. Das Risiko liegt – je nach Rasse und Größe – etwa zwischen 5–20 %. Bei bestimmten Rassen sogar bei bis zu 60%!

➡️ Größere Hündinnen sind tendenziell häufiger betroffen. Oft werden lebenslange Medikamente oder chirurgische Eingriffe nötig, um belastenden Symptome zu kontrollieren.

Adipositas – Stoffwechsel und Gewicht

Nach der Kastration sinkt der Energiebedarf durch hormonelle Veränderungen – viele Hunde neigen dann zu:

  • mehr Appetit

  • Gewichtszunahme

  • trägerem Stoffwechsel

… wenn Futtermenge und Bewegung nicht angepasst werden.

➡️ Praktische Konsequenz: Nach der Kastration fütterungs- & bewegungsangepasst arbeiten, damit der Hund schlank und gesund bleibt.

Zusammenfassung

Wichtig: Eine Kastration darf laut deutschem Tierschutzgesetz beim Hund NICHT nur zur Verhinderung der Fortpflanzung durchgeführt werden! Es braucht immer eine medizinische Indikation. 

Bei der Entscheidung müssen immer individuelle Vor- und Nachteile des Einzeltieres gegeneinander abgewogen werden. Mögliche Argumente können hier im Einzelfall unter anderem sein:

🟢 Vorteile:
✔️ Schutz vor bestimmten hormonbedingten Krankheiten
✔️ Kein Risiko unbeabsichtigter Nachkommen
✔️ Hormongetriebene Problemverhalten können seltener werden

⚠️ Nachteile:
❌ Möglicherweise höheres Risiko für andere Krebsarten
❌ Orthopädische Probleme bei jung kastrierten Hunden
❌ Harninkontinenz, Gewichtsproblematik
❌ Verhaltensveränderung nicht garantiert

Diese Liste ist nicht vollständig! Das Thema ist komplex und vielschichtig!

Mein Tipp an Halter:innen

Informiert euch und lasst euch vom Tierarzt oder der Tierärztin eures Vertrauens individuell zu eurem Tier beraten. Die Entscheidung darf nicht pauschal fallen. Sie sollte basieren auf:

  • Rasse & Größe des Hundes

  • Alter und Entwicklungsstand

  • Lebensumständen

  • Konkreten Gesundheitsrisiken

  • und einer individuellen Beratung durch den Tierarzt

Denn: Was für den einen Hund Segen ist, kann für den anderen Fluch bedeuten.

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